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Willkommen im AWO Seniorenzentrum in Aying
Kunst-Stunde im Seniorenzentrum
28
August 2020

Fallbeispiel aus der Musiktherapie

Die Namen der Bewohner/innen und die Inhalte sind so anonymisiert worden, dass eine Identifikation mit den realen Personen nicht möglich ist.

Es war ein kühler Sommernachmittag. Das Wetter hatte einen Tag vorher von über dreißig Grad und Sonne umgeschlagen in Regen und Temperaturen nur knapp über 10 Grad. Als der Musiktherapeut die gerontopsychiatrische Wohngruppe betrat, herrschte eine Mischung aus allgemeiner Unruhe und gleichzeitig einer gewissen Zurückgezogenheit der Bewohner. Manche waren ins Bett gelegt worden, andere saßen noch vom Mittagessen am Tisch, wiederum andere liefen umher, jedoch ohne erkennbare Handlungsziele.

Nach dem ritualisierten Umhergehen und persönlichen Begrüßen der Bewohner fand sich eine kleine Gruppe zunächst an einem der Tische zusammen. Frau E, welche zum einen eine dementiell bereits stark fortgeschrittene, zum anderen eine sehr agile Bewohnerin mit einer sehr kirchlichen Prägung ist, verwickelte den Therapeuten zunächst in ein Gespräch. „Herr Pfarrer, hören Sie. Hier herrscht eine solche Unordnung und wir müssen doch bald schon los. Kommen Sie jetzt, schnell, schnell!“ Frau E. blieb beim Sprechen dieser Worte jedoch äußerlich ruhig am Tisch sitzen und der Therapeut antwortete in ruhigem, validierendem Tonfall: „Ach Frau E., wie gut, dass Sie sich so gut um alle kümmern! Was würden wir nur ohne Sie machen!“, woraufhin Frau E ein Lächeln über die Lippen kam und sie gleichermaßen stolz und schüchtern aufblickte. „Und außerdem, Frau E.“ fuhr der Therapeut fort, „haben die Kollegen schon alles für Kaffee und Kuchen hergerichtet. Trinken Sie auch noch eine Tasse mit uns?“. Hierauf schien von Frau E sichtlich etwas körperliche Spannung abzufallen und sie erwiderte, sichtlich in froher Erwartung auf ein Stück Kuchen: „Ach ja, dann können wir schon noch hier sitzen bleiben, wenn’s was Leckeres gibt, bin ich doch gern mit dabei. Aber machen Sie sich bitte keine Umstände wegen mir! Schauen Sie, dass die Kinder zuerst was kriegen.“ Das darauffolgende gemeinsame Kaffeetrinken verlief mit einer gewissen Ruhe im Raum. Die Bewohner saßen, wie gewohnt an ihren Plätzen und für ein paar Minuten war nur das leise Klappern einer Gabel auf einem Teller und der Regen vor dem Fenster zu hören. Es ging für den Therapeuten spürbar immer wieder ein Aufatmen durch den Raum.

Einige Zeit später, nachdem das Kaffeegeschirr von den Kollegen aus der Pflege verräumt worden war und wieder ein wenig Bewegung in den Raum gekommen war, begann der Musiktherapeut einzelne Bewohner im Bereich der Couchecke zu einer Runde zusammen zu holen. Manche Bewohner nahmen gern auf Couch oder Sessel Platz, andere saßen bereits in ihren Rollstühlen, für wieder andere wurden Stühle bereitgestellt, sodass nach und nach eine Art Kreis entstand. Lediglich Frau E. lehnte es wiederholt ab irgendwo bei der Gruppe Platz zu nehmen und wirkte durch das Geschehen sichtlich verwirrt und innerlich etwas aufgebracht. Weder sucht sie sich einen Sitzplatz, noch versuchte sie behilflich zu sein, wie sie es sonst an manchen Tagen tat. Stattdessen stand Frau E. sichtlich mit der Situation überfordert im Raum und rief sowohl anderen Bewohnern, als auch dem Therapeuten zu: „Halt, halt, nicht so schnell! Wir müssen doch jetzt los!“. Auch der Hinweis, dass es jetzt eine Musikrunde geben wird, ließ Frau E. nicht in Kontakt mit der Situation um sie herum kommen. Zwar ließ sie sich kurzzeitig zu Beginn auf einem Stuhl nieder, jedoch fuhr sie während des durch den Musiktherapeuten mit einer Gitarre begleiteten Begrüßungsliedes damit fort, anderen Bewohnern zu sagen, dass sie doch gefälligst mitzusingen hätten und nahm einen stark normativen Tonfall an. Auch nachdem das Lied verklungen war, erhob Frau E. die Stimme ehrfurchtgebietend mit den Worten „So, jetzt horcht mal, was der Herr Pfarrer zu sagen hat!“, mit einer Gestik, die Blicke wohl in die Richtung des Therapeuten lenken sollte. Unmittelbar erwiderte eine andere Bewohnerin Frau I. sichtbar von Frau E. genervt „Jetzt hauen Sie schon ab, wir wollen Sie hier nicht!“, was wiederum Frau E. von ihrem Stuhl aufschnellen ließ, augenscheinlich mit der Absicht Frau I. eine entsprechend abwertende Antwort entgegenzuschleudern, wovon Frau I. wiederum sich wenig beeindruckt zeigte und allgemein trotz der Auseinandersetzung sehr ruhig wirkte. Aus einem Impuls heraus, auf die angespannte Situation reagierend, griff der Therapeut nach einem Stoffball, der während den Musiktherapiegruppen meist bereitliegt, und warf ihn Frau E. seitlich kommend zu. Diese zuckte kurz zusammen, fing den Ball gekonnt und warf ihn gleich weiter zu einer anderen Bewohnerin. Durch den Raum fliegenden Ball war die Anspannung der vergangenen Szene spürbar verändert, jedoch bestand Frau E. nun darauf, in der Mitte der Gruppe stehenbleiben zu dürfen und das Ballspiel zu leiten. Der Therapeut zog sich samt Gitarre auf einen leeren Platz in der Runde der Bewohner zurück und begann das inzwischen eigenständig laufende Ballspiel der Gruppe musikalisch einzuhüllen und zu untermalen. Es folgten flotte, rhythmische Lieder, gepfiffene Melodien und mit den Füßen geklopfte Rhythmen. Viele Bewohner summten mit, wippen mit den Füßen oder sangen die Texte mit. Frau E. schien sich im aktiven Tun des Ballspieles sichtlich zu entspannen und sich in der Rolle der Anleiterin des Spiels gut zu gefallen.

Die Runde machte eine Zeit lang, eingehüllt durch die rhythmischen Lieder lustvoll so weiter. Dann kam ein Punkt, an dem Frau E., sichtlich erschöpft sich auf einem Stuhl niederließ und der Therapeut sich zurück auf seinen gewohnten Platz in der Runde setzte.