Bunte Reise in die Vergangenheit

Silvia Wolfgruber machen ihre Besuche im Georg-Schenk-Haus enorm viel Spaß. Die Künstlerin begleitet die Senioren auf ihrem Weg hin zur Malerei. „Mit meinem Angebot kann ich Menschen etwas geben. Die Maltherapie tut allen gut. Auf diese Weise entstehen oftmals sehr schöne Bilder“, erzählt die gebürtige Österreicherin. Ihre Maltherapie begeistert diejenigen, deren Geist durch Demenz beeinträchtigt ist. Emotionen farbenfroh aufs Papier zu bringen, erweckt aber auch in Gesunde außergewöhnlichkreative Lebensgeister: „Es gibt einige, die sich früher nicht getraut haben, zu malen, aber es schon immer wollten. Diejenigen erschaffen plötzlich ganz tolle Bilder.“

Ganz tolle Bilder können auf demente Menschen aufs Papier bringen. Der Blick in den beschützenden Bereich ist sehr spannend. Am Anfang vielleicht ein wenig befremdlich, dann aber doch faszinierend. Die betreffenden Senioren gehen in den Malkursen von Sylvia Wolfgruber auf: „Für mich ist es immer wieder faszinierend, was ich hier alles erlebe.“ Sie zeigt unterschiedliche Bilder. Eines ist sehr einfach gehalten. Ein anderes zeigt ein beeindruckend naturnahes Herbstblatt. Dessen Farben fließen elegant ineinander über. Silvia Wolfgruber beschreibt mit leuchtenden Augen, wie ihre Freunde stetig dazulernen: „Es ist schon sehr schön, wenn Menschen erst mit nur einem oder zwei Pinselstrichen beginnen und später komplette Bilder malen. Sie lernen immer etwas dazu.“ Die Maltherapeutin holt die dementen Senioren dort ab, wo sie stehen. Manchen muss sich erst einmal zeigen, wie Striche entstehen. Andere malen vorgegebene Motive aus. Wieder andere beginnen sehr schnell eigene Bilder von der bunten Obstschale bis zu Landschaften zu entwickeln.

Wenn sich eine Welt öffnet

Mit der Maltherapie öffnet sich innere Welt der dementen Bewohner. An der Wand ist ein riesiges Bild zu sehen. Es zeigt den Burghauser Stadtplatz etwa zwischen der Jakobskirche und dem Rathaus. Es muss eine Szene irgendwann aus den 50er- oder 60er-Jahren sein. „Sie sehen dort eine Isetta. Auf der ist hinten ein Plakat mit den Daten der Kinovorstellungen aufgebracht. Das muss damals so gewesen sein“, schmunzelt AWO-Leiterin Anja Fischbeck.

Wieder wer sein…

In beeindruckenden Worten zeichnet Silvia Wolfgruber ein Bild von Hans (Name geändert): „Er kam zu uns und hat überhaupt nicht gesprochen. Wir wussten nur, dass er früher KFZ-Meister war.“ Hans nahm Platz am Tisch und begann seine Gedanken, seine Emotionen und Erinnerungen in Bilder zu fassen. Seine Hand führte den Pinsel geschickt. Plötzlich entstanden Bilder seiner Werkstatt. Hans brachte viele kleine Details zu Papier. Ha tauchte wohl wieder in das Leben ein, dass für ihn Erfüllung bedeutet. Seine Gedanken brachten ihn wieder zurück in das Leben, in dem er wer war. Ein Leben, mit dem er sich identifizieren konnte. Erinnerungen sind ganz oft das Einzige, das Senioren im Inneren zum Leben erweckt, wenn im Außen nicht mehr viel passiert.

Magische Wirkungen reiner Natur

Die Mitarbeiter*innen des Georg-Schenk-Hauses der Arbeiterwohlfahrt beschreiten gerne neue Wege. „Wir nutzen alte Traditionen wie die wohltuende Wirkungen natürlicher Essenzen. Wir erkennen, dass sich unsere Bewohner auf solche Anwendungen freuen und diese ihnen guttun. Diese Sitzungen erhöhen die Lebensqualität“, erklärt Anna Bernecker. „Wir nehmen gerne fruchtige Essenzen. Sie verdunsten schnell und rückstandslos. Unsere Bewohner genießen diese wunderbare Art der Entspannung“, freut sich Bernecker.

Die Aromen durchdringen alle Poren unseres Körpers und wirken auf diese Weise sehr schnell auf unsere Zellen. Das Wunderwerk Mensch besteht immerhin aus fast 50 Billionen Zellen. Die Natur schlüpft gerne in die Rolle einer weisen Begleiterin. Wenn wir in der Lage, ihre Botschaften zu erkennen, dann eröffnen sich uns zahlreiche neue Möglichkeiten. Die Kraft der Natur nutzten die Menschen schon vor 5.000 Jahren. In einem pakistanischen Grab entdeckten Historiker ein Destilliergerät aus Ton, damit die Seele auf ihrer Reise bestens versorgt war.  René-Maurice Gattefossé wiederum ist der Begründer der modernen Aromatherapie. Seine Erkenntnis sind bereits 1936 in Buchform erschienen.

Der Schlüssel zur deiner Schatzkammer

Zahlreiche natürliche Aromen sind der Schlüssel zu unserer inneren Schatzkammer.  „Sie wirken sich positiv auf die psychisch-emotionalen Steuerungsmechanismen aus. Sie können das Gehirn entkrampfen. Auf diese Weise kann eine gewisse Gereiztheit verfliegen“, beschreibt Anna Bernecker. Bergamotte wirkt besonders eindrücklich. Es löst Verkrampfungen und erhöht das Energiepotenzial. Die Menschen sammeln neue Kräfte. Der Duft gleicht einem Licht in Kindertagen. Dieses Licht erhellt Hirnareale, die positive Erinnerungen gespeichert haben. Sie öffnen unsere innere Schatzkammer, erwecken positive Bilder aus Kinderagen zum Leben. Mit diesen gehen positive Emotionen einher. Ein positive Emotion sorgt für die Produktion von rund 1.400 Botenstoffen, die unsere Zellen die richtigen Signale für Freude, Liebe und Freiheit schenken.  Mit zunehmenden Alter werden positive Erinnerung der „guten alten Zeit“ besonders befördert.

Nur Natur pur zählt

Anna Bernecker und ihr Team lassen bei der Auswahl der Öle größte Sorgfalt walten: „Die eingesetzten Produkte sind naturrein. Sie werden kaltgepresst und wandern unverdünnt, ohne künstliche Zusätze und damit hochkonzentriert in unsere Hände.“ Das AWO-Team beobachten genau, welche Essenzen ihren Bewohnern besonders guttun. Der fruchtig-spritzige Duft von Mandarinenöl begeistert viele. Er vertreibt Lustlosigkeit und Langeweile und befördert im Gegenzug die eigene Kreativität. Eine ähnliche faszinierende Wirkung bedingt Grapefruitöl. Dessen Inhaltsstoffe aktivieren unser Glücksgefühl. Lavendel kann Herzklopfen, Nervosität und Aufregungen lindern und der Schlaflosigkeit entgegenwirken.

 

"Belastungen erkennen, Entlastungen schaffen"

Das Pflege-Angebot passte sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr den Bedürfnissen der Senioren an. „Heute kommen wir zu den Menschen, die in einem gewissen Rahmen Hilfe brauchen. Ziel ist es, die Betroffenen zu entlasten. Damit können sie solange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld bleiben“, erklärt Ursula Bernecker. Sie leitet den ambulanten Dienst in der AWO Burghausen.

Das Wichtigste ist, dass Senioren, die nicht mehr so flexibel sind, ihre Chance nutzen und Pflegedienste kontaktieren. Dieser erste Schritt kostet oftmals viel Überwindung, offeriert den Hilfesuchenden im Nachgang enorme Vorteile. „Wenn wir zum ersten Mal ins Haus kommen, sehen wir uns verschiedene Lebensbereiche detailliert an. Die aktivierende Versorgung im Zentrum unserer Arbeit. Die Selbstständigkeit der Senioren soll solange wie möglich erhalten bleiben. Wir entwickeln letztendlich die Hilfe, die wirklich wichtig ist“, erklärt Ursula Bernecker.

Hilfestellung mit Feingefühl

Einkaufen, Putzen, Waschen oder Kochen zählen zu den Dingen, die einfacher zu handhaben sind. „An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass wir nur im direkten Wohnbereich aktiv werden. Treppenhäuser in Mehrparteienhäusern zu putzen, hat der Gesetzgeber nicht vorgesehen“, so Bernecker. Diese klare Abgrenzung ist wichtig. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Pflegekräfte vor Ort feinfühlig aktiv werden, wenn sie die Senioren beispielsweise in Intin ihrer Körperpflege unterstützen. „Hier ist wichtig zu fragen, was die Betroffenen bevorzugen. Oftmals helfen wir im Bereich des Oberkörpers. Der Intimbereich bleibt weiterhin im Fokus der Senioren“, so Bernecker weiter. Die AWO-Mitarbeiter binden die Angehörigen mit ein. So entstehen viele positive Effekte, die allen nutzen. Um den Pflegenden ihre Aufgabe zu erleichtert, gibt es Pflegekurse oder Inhouseschulungen, die über die Pflegekasse finanziert werden. „In einem ausführlichen Gespräch ermitteln wir genau, welche Inhalte wichtig sind“, erklärt Bernecker.

Beobachtung und Beratung

Die AWO steht für ein effizientes  Qualitätsmanagement. In einer Dokumentenmappe werden alle Tätigkeiten erfasst. Die Erfahrung des Teams hilft, wenn es darum geht , um einen zusätzlichen Bedarf an pflegerischen Leistungen oder Hilfsmitteln  zu erkennen. Es können viele erleichternde Maßnahmen wie ein Badewannenlift oder  ein erhöhter Toilettensitz realisiert werden.  „Ebenso wertvoll ist es aber auch aufzuzeigen, wenn sich eine Demenz abzuzeichnen beginnt. Wichtig ist, dass wir den Angehörigen neue Wege aufzeigen. Schließlich brauchen sie auch Entlastung und Ruhe, damit sie nicht selbst gesundheitliche Probleme bekommen“, findet Ursula Bernecker. Der Dreiklang aus Akzeptieren, Annehmen und Entlasten steht dabei immer im Fokus.